Was heißt, bei mir zu Hause ankommen?

Aus mei­nem Buch „On the Road…Coming Home“ her­aus­ge­ge­ben Dezem­ber 2020 Kapi­tel 78. “Was heißt, bei mir zu Hau­se ankommen?”

Aus mei­nem Buch „On the Road…Coming Home“ her­aus­ge­ge­ben Dezem­ber 2020

Kapi­tel 78. “Was heißt, bei mir zu Hau­se ankommen?”

03.07.16, 08.45 Uhr, Bad Vil­bel, in mei­nem Apartment

Bei mir selbst zu Hau­se ankom­men! Je län­ger ich jetzt bewusst auf die­sem Weg bin, umso kla­rer wird mir, was das für mich bedeu­tet, bei mir selbst zu Hau­se anzu­kom­men. Und ich erken­ne, dass die­ses bei mir zu Hau­se ankom­men für mich ein Augen­blick, ein Moment ist, der immer wie­der neu stattfindet.

Und die­ser Augen­blick, in dem ich die­ses Gefühl habe, dass ich selbst bei mir zu Hau­se ankom­me, ist der Augen­blick, in dem ich mich so, wie ich gera­de bin, wahr­neh­me und mich so, wie ich gera­de bin, annehme.

Es ist also der Moment, in dem ich das, was ich gera­de füh­le, den­ke und wie ich mich ver­hal­te, bewusst erken­ne und dann ja dazu sage. Zu mir sage: „Das ist okay. Es ist okay, dass ich die­se Gefüh­le und Gedan­ken habe und die­se Gefüh­le und Gedan­ken sind okay. Sie dür­fen sein. Ich neh­me sie an. Ich akzep­tie­re sie. Sie sind mei­ne. Sie gehö­ren in die­sem Moment zu mir. Und es ist okay, dass sie da sind. Sie sind willkommen.“

Das heißt, die­ser Moment des mit mir selbst Frie­den Schlie­ßens, mit dem, was ich an Gefüh­len, an Gedan­ken wahr­neh­me, ist der Moment des bei mir zu Hau­se Ankommens.

Und das, was wir alle da an Gefüh­len, Gedan­ken und Ver­hal­ten bei uns erken­nen, wenn wir anfan­gen, uns bewusst wahr­zu­neh­men, passt uns oft erst ein­mal gar nicht. Das ist oft auch nicht ange­nehm, es for­dert uns her­aus. Es passt nicht in unser ursprüng­li­ches Kon­zept und Bild von uns selbst als einem guten Men­schen. Und es gibt ja vie­le Gefüh­le wie Schmerz, wie Wut, wie Ent­täu­schung, Neid, Eifer­sucht, Rache, die wir nicht mögen. Es gibt auch vie­le Gedan­ken über uns, über ande­re Men­schen, über Situa­tio­nen, die wir nicht mögen.

Wenn wir aber zu uns sagen kön­nen: „Dies sind unse­re Gefüh­le, unse­re Gedan­ken, unser Ver­hal­ten, sie gehö­ren zu uns und vor allen Din­gen, sie dür­fen sein, auch wenn sie uns nicht gefal­len, auch wenn wir sie nicht mögen, aber sie dür­fen sein, das sind wir und es ist okay, dass wir so sind, dass wir genau so sind … .“ In dem Moment, da wir das ehr­lich so zu uns sagen kön­nen, kom­men wir mei­ner Mei­nung nach zu Hau­se bei uns an. Das heißt, wir sind uns in die­sem Moment ver­traut, wir erken­nen uns, wir füh­len uns sicher und gebor­gen bei uns.

Es ist so wie, wenn ich mich in mei­nem ech­ten zu Hau­se, einer Woh­nung, einem Apart­ment, einem Haus wohl füh­le, mich gebor­gen füh­le, mich sicher füh­le und dann ger­ne dort­hin nach Hau­se kom­me. Und ich ent­span­ne und erho­le mich dann dort und es ist mein zu Hau­se und ich kom­me dort ger­ne an.

Und die­ser Pro­zess des bei mir als Men­schen zu Hau­se Ankom­mens, der wie­der­holt sich natür­lich, so wie ich ja auch immer wie­der aufs Neue bei mir in mei­ner Woh­nung, in mei­nem Apart­ment ankom­me. Ich neh­me die­ses zu Hau­se immer wie­der neu wahr. Und ich ver­än­de­re es ja zwi­schen­durch auch und ler­ne es dann wie­der neu kennen.

Und so ist es bei uns als Men­schen auch. Es kom­men bei uns neue Gefüh­le, es kom­men ande­re Gefüh­le, ande­re Gedan­ken, die neu für uns sind, dazu. Oder es sind Din­ge an uns, die wir zwar schon ken­nen, aber die wir noch nicht ange­nom­men und akzep­tiert haben. Und in dem Moment, wo wir dies tun, kom­men wir wie­der bei uns zu Hau­se an. Und das wie­der­holt sich immer wie­der aufs Neue.

Und je öfter wir auf die­se Art bei uns zu Hau­se ankom­men, des­to län­ge­re Zeit füh­len wir uns bei uns auch zu Hau­se. Das heißt, die­ses bei uns zu Hau­se Ankom­men ist ein Pro­zess des Ein­zie­hens, so wie der Ein­zug in eine Woh­nung, der län­ger dau­ert und der auch am Ende viel­leicht nie wirk­lich ganz abge­schlos­sen sein wird, weil wir immer wie­der noch was mit­brin­gen in unser zu Hau­se. Um es umzu­ge­stal­ten, um es wohn­li­cher, um es schö­ner zu machen.

Zu Hau­se bei mir ankom­men heißt also nicht, alle unan­ge­neh­men Gefüh­le und Gedan­ken beho­ben und besei­tigt zu haben. Und es heißt schon gar nicht, dass ich per­fekt gewor­den bin also ohne Feh­ler, Pro­ble­me und Unzu­läng­lich­kei­ten. Son­dern, es heißt tat­säch­lich, mich schritt­wei­se immer wie­der aufs Neue anzu­neh­men und ja zu mir zu sagen. Zu dem Men­schen, der ich bin und wie ich mich ver­hal­te und zu dem, was ich füh­le und den­ke. Ich ler­ne mich also ken­nen, so wie ich bin und so wie ich bin, ler­ne ich mich anzu­neh­men und ja zu mir zu sagen.

Und auf die­ser Basis kann ich mich dann auch wei­ter­ent­wi­ckeln. Auf die­ser Basis des ich habe die­sen Teil von mir ken­nen­ge­lernt und ich habe ihn akzep­tiert und ange­nom­men, kann ich dann tat­säch­lich neue Erfah­run­gen machen und ler­nen. Und das, was mir ursprüng­lich nicht gefal­len hat, was ich dann aber akzep­tiert und ange­nom­men habe, das kann ich dann schritt­wei­se ändern, wenn ich das dann noch will. Indem ich neue Erfah­run­gen mache und dazu lerne.

Aber ich kann es tat­säch­lich auch erst dann wirk­lich ändern, wenn ich es ken­nen­ge­lernt und vor allem ange­nom­men habe. Davor ver­drän­ge, igno­rie­re oder bekämp­fe ich die­se Tei­le von mir nur. Das ist kei­ne Ver­än­de­rung und kein Dazulernen.

Und so ist also das bei mir zu Hau­se Ankom­men ein Pro­zess, der irgend­wann beginnt, wenn ich ent­schei­de, okay ich will ler­nen, mich wahr­zu­neh­men, zu erken­nen, ken­nen­zu­ler­nen und mich so wie ich mich ken­nen­ler­ne auch anzu­neh­men, ja zu mir zu sagen. Die­ser Pro­zess beginnt in dem Moment, in dem ich dies ent­schei­de und wird fühl­bar, spür­bar, Wirk­lich­keit, wenn ich die­ses Ja-Sagen, die­ses mich Anneh­men das ers­te Mal wirk­lich lebe.

Und je öfter ich dies tue, mit je mehr Gedan­ken, Gefüh­len, Ver­hal­tens­wei­sen von mir ich dies tue, des­to tie­fer kom­me ich bei mir zu Hau­se an.