Das Vier-Ebenen-Modell unserer Persönlichkeit

Das Vier-Ebenen-Modell unserer Persönlichkeit

Das Vier-Ebenen-Modell unserer Persönlichkeit

von Roth, Strü­ber und Cierpka Ger­hard Roth gilt als einer der füh­ren­den Neu­ro­wis­sen­schaft­ler d.h. Gehirn­for­scher des deutsch­spra­chi­gen Rau­mes. Mit Nico­le Strü­ber und Man­fred Cierpka gemein­sam ent­wi­ckel­te er das Vier-Ebe­nen-Modell der Per­sön­lich­keit. Hier­zu siehe…
von Roth, Strü­ber und Cierpka

Ger­hard Roth gilt als einer der füh­ren­den Neu­ro­wis­sen­schaft­ler d.h. Gehirn­for­scher des deutsch­spra­chi­gen Rau­mes. Mit Nico­le Strü­ber und Man­fred Cierpka gemein­sam ent­wi­ckel­te er das Vier-Ebe­nen-Modell der Per­sön­lich­keit. Hier­zu sie­he u.a: Roth, G. & Strü­ber, N. (2014), Wie das Gehirn die See­le macht. Und Roth, G. (2011), Bil­dung braucht Persönlichkeit.

Dieses Modell ist natürlich ein künstlich geschaffenes Konzept der Realität

Natür­lich ist auch die­ses Vier-Ebe­nen-Modell der Per­sön­lich­keit nichts ande­res als ein künst­lich geschaf­fe­nes Kon­zept eines in der Rea­li­tät um ein Viel­fa­ches kom­ple­xe­ren Zusam­men­han­ges. Aber die­ses Modell bie­tet eine gute Basis, um die Ent­ste­hung der ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten, ihren Ein­fluss auf unser Ver­hal­ten und die Ver­än­der­bar­keit die­ser Per­sön­lich­kei­ten, d.h. unse­re Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung im Lebens­lauf bes­ser zu verstehen.

Welches sind die 4 Ebenen unserer Persönlichkeit?

Die von Roth, Strü­ber und Cierpka beschrie­be­nen 4 Ebe­nen sind: 1. das vege­ta­ti­ve-affek­ti­ve Selbst = die unte­re lim­bi­sche Ebe­ne. 2. das unbe­wuss­te emo­tio­na­le Selbst = die mitt­le­re lim­bi­sche Ebe­ne, 3. das indi­vi­du­el­le-sozia­le Ich = die obe­re lim­bi­sche Ebe­ne. Und 4. das kogni­tiv-kom­mu­ni­ka­ti­ve Ich. Die­se 4 Ebe­nen unter­schei­den sich deut­lich hin­sicht­lich ihres Ein­flus­ses auf das mensch­li­che Ver­hal­ten. Und bezüg­lich ihrer Ver­än­der­bar­keit im Erwach­se­nen­al­ter und in Bezug auf den Zugriff durch das mensch­li­che Bewusstsein.

1. Das vegetativ-affektive Selbst

Die unters­te Ebe­ne, das vege­ta­ti­ve-affek­ti­ve Selbst wird durch die lim­bisch-vege­ta­ti­ve Grund­ach­se des Gehirns reprä­sen­tiert. Hier­zu gehö­ren die media­le septa­le Regi­on, die prä­op­tisch-hypo­tha­l­a­mi­sche Regi­on, die zen­tra­le Amyg­da­la, das zen­tra­le Höh­len­grau und die vege­ta­ti­ven Zen­tren des Hirn­stamms (Mit­tel­hirn, Brü­cke, ver­län­ger­tes Mark).

Diese unterste Persönlichkeitsebene ist genetisch oder epigenetisch bedingt

Die unters­te lim­bi­sche Ebe­ne ist ange­bo­ren, d.h. gene­tisch oder epi­ge­ne­tisch bedingt. Epi­ge­ne­tisch bedeu­tet, dass durch vor­ge­burt­li­che Ein­flüs­se ent­we­der aus der Umwelt direkt oder ver­mit­telt über das eng ver­bun­de­ne Gehirn der Mut­ter eine teil­wei­se Mye­lie­rung der betei­lig­ten DNS-Strän­ge erfolgt. Dadurch wer­den nur bestimm­te Abschnit­te der DNS-Strän­ge der Gene bei der Aus­bil­dung der an der unte­ren lim­bi­schen Ebe­ne betei­lig­ten Gehirn­re­gio­nen aktiv.

Das vegetativ-affektive Selbst sichert unser biologisches Überleben

Die wich­tigs­te Funk­ti­on die­ser Hirn­ge­bie­te ist die Siche­rung der bio­lo­gi­schen Exis­tenz des Men­schen durch die Regu­la­ti­on der lebens­er­hal­ten­den Kör­per­funk­tio­nen. Dazu gehö­ren die Kon­trol­le des Stoff­wech­sel­haus­hal­tes, des Kreis­lau­fes und des Blut­drucks. Die Tem­pe­ra­tur­re­gu­la­ti­on, die Rege­lung des Ver­dau­ungs- und Hor­mon­sys­tems, der Nah­rungs- und Flüs­sig­keits­auf­nah­me sowie des Wachens und Schlafens.

Diese Ebene bestimmt unser individuelles Temperament

Wei­ter­hin regelt die unte­re lim­bi­sche Ebe­ne auch das Tem­pe­ra­ment. Das heißt, sie legt die Art fest, wie Men­schen grund­le­gend mit sich selbst und der Umwelt umge­hen. Sie steu­ert also die ele­men­ta­ren mensch­li­chen affek­ti­ven Ver­hal­tens­wei­sen und Emp­fin­dun­gen wie Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten, Flucht, Erstar­ren, Aggres­si­vi­tät, Wut, Sexualverhalten.
Die­se Antrie­be und Affekt­zu­stän­de sind weit­ge­hend gene­tisch bedingt. Der Mensch teilt sie also mit den Säu­ge­tie­ren und ins­be­son­de­re den Pri­ma­ten. Die Mecha­nis­men die­ser Ebe­ne lau­fen als sol­che völ­lig unbe­wusst ab, bewusst wer­den sie nur über Erre­gun­gen, die von hier in die bewusst­seins­fä­hi­ge Groß­hirn­rin­de dringen.

Hier ist der Ort unserer grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale

Eben­so wer­den im vege­ta­tiv-affek­ti­ven Selbst grund­le­gen­de Per­sön­lich­keits­merk­ma­le wie Offen­heit, Ver­schlos­sen­heit, Selbst­ver­trau­en, Krea­ti­vi­tät, Ver­trau­en, Miss­trau­en fest­ge­legt. Sowie Umgang mit Risi­ken, Pünkt­lich­keit, Ord­nungs­lie­be, Zuver­läs­sig­keit, Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, Opti­mis­mus und Pes­si­mis­mus. Die­se Ebe­ne bestimmt also wie Men­schen mit Schwie­rig­kei­ten und Risi­ken umge­hen und wie sie dabei auf­tre­ten­den Stress regulieren.

Diese Persönlichkeitsebene hat den größten Einfluss auf unser Verhalten und ist fast nicht veränderbar

Die unters­te Ebe­ne der mensch­li­chen Per­sön­lich­keit hat von allen vier Ebe­nen den stärks­ten Ein­fluss auf das Ver­hal­ten. Die­se sehr gro­ße Beein­flus­sung des Ver­hal­tens ent­steht, weil die unte­re lim­bi­sche Ebe­ne direkt mit den ver­hal­tens­steu­ern­den Gehirn­zen­tren ver­bun­den ist.
Da die lim­bisch-vege­ta­ti­ve Grund­ach­se des mensch­li­chen Gehirns gleich zu Beginn der Hirn­ent­wick­lung ent­steht, ist sie durch Erfah­rung, Erzie­hung und wil­lent­li­che Kon­trol­le gar nicht oder nur sehr gering län­ger­fris­tig zu beeinflussen.
Das heißt also, dass das mensch­li­che Tem­pe­ra­ment und sei­ne grund­le­gen­den Per­sön­lich­keits­merk­ma­le ange­bo­ren sind und zeit­le­bens nur sehr gering aber eher gar nicht ver­än­der­bar sind.

2. Das unbewusste emotionale Selbst

Die zwei­te über dem vege­ta­tiv-affek­ti­ven Selbst ange­ord­ne­te Ebe­ne der Per­sön­lich­keit ist das unbe­wuss­te, emo­tio­na­le Selbst.
Die­se Ebe­ne wird in ers­ter Linie durch die cor­ti­ca­le, media­le und baso­la­te­ra­le Amyg­da­la und durch das meso­l­im­bi­sche Sys­tem also den Nucleus accum­bens, das ven­tra­le teg­menta­le Are­al und die Sub­stan­tia nigra repräsentiert.

Wie wir fühlen und was wir wollen, wird in unserer Kindheit schon sehr früh festgelegt

Die mitt­le­re lim­bi­sche Ebe­ne ent­wi­ckelt sich vor der Geburt und in den ers­ten Lebens­jah­ren durch emo­tio­na­le Erfah­rung bzw. emo­tio­na­le Kon­di­tio­nie­rung und früh­kind­li­che Bindungserfahrung.
Das meso­l­im­bi­sche Sys­tem selbst ent­wi­ckelt sich bereits sehr früh wäh­rend der vor­ge­burt­li­chen Hirn­ent­wick­lung. Sei­ne Aus­ge­stal­tung wird dabei ent­we­der direkt oder über das eng ver­bun­de­ne Gehirn der Mut­ter indi­rekt durch vor­ge­burt­li­che posi­ti­ve und nega­ti­ve Erfah­run­gen beeinflusst.
Durch die mitt­le­re lim­bi­sche Ebe­ne wer­den unse­re grund­le­gen­de Emo­tio­na­li­tät, unse­re Beloh­nungs­er­war­tung sowie unse­re gene­rel­le Moti­va­ti­on bestimmt. In die­ser Per­sön­lich­keits­ebe­ne fin­det die unbe­wuss­te emo­tio­na­len Kon­di­tio­nie­rung ele­men­ta­rer mensch­li­cher Funk­tio­nen und des indi­vi­du­el­len emo­tio­na­len Ler­nens statt: die ange­bo­re­nen Grund­ge­füh­le Furcht, Freu­de, Glück, Ver­ach­tung, Ekel, Neu­gier­de, Hoff­nung, Ent­täu­schung und Erwar­tung wer­den hier mit den täg­lich erfah­re­nen emo­tio­nal nega­ti­ven und posi­ti­ven Erleb­nis­sen der indi­vi­du­el­len mensch­li­chen Lebens­um­stän­de verknüpft.

Unsere Sympathie für andere Menschen entwickelt sich ganz unbewusst

Gleich­zei­tig ist die Amyg­da­la der Ort der unbe­wuss­ten mensch­li­chen Wahr­neh­mung emo­tio­na­ler, kom­mu­ni­ka­ti­ver Signa­le der non­ver­ba­len Kom­mu­ni­ka­ti­on. Dazu gehö­ren der Blick, die Mimik, Ges­tik, Kör­per­hal­tung und die Phe­ro­mo­ne, also sozia­le Geruchs­si­gna­le. Die Wahr­neh­mung und Bewer­tung die­ser non­ver­ba­len Signa­le spie­len bei der Ent­wick­lung von Sym­pa­thie und Anti­pa­thie eine wich­ti­ge Rol­le. Die hier ent­wi­ckel­ten Prä­fe­ren­zen sind teils erfah­rungs­be­dingt und teils gene­tisch bestimmt.

Was uns antreibt, unsere Motivation wird von diesem Persönlichkeitsteil entschieden

Die zwei­te wich­ti­ge hirn­or­ga­ni­sche Struk­tur der mitt­le­ren lim­bi­schen Ebe­ne und Inter­ak­ti­ons­part­ner der Amyg­da­la ist das meso­l­im­bi­sche Sys­tem als Sitz des Beloh­nungs- und Beloh­nungs­er­war­tungs-sys­tems. Alles, was Spaß macht, weil der Mensch für sein Tun zwi­schen­durch und am Ende belohnt wird, wird durch das zere­bra­le Beloh­nungs­sys­tem mit Hil­fe der Aus­schüt­tung lus­terzeu­gen­der Stof­fe beson­ders Opio­ide und Can­na­bi­no­ide bestimmt und gesteu­ert. Wei­ter­hin ist das meso­l­im­bi­sche Sys­tem das grund­le­gen­de Moti­va­ti­ons­sys­tem, das über die Aus­schüt­tung von Dopa­min Beloh­nung in Aus­sicht stellt.
Die­se Ebe­ne reprä­sen­tiert somit das ego­is­tisch-ego­zen­tri­sche Klein­kind im Men­schen. Hier wird fest­ge­legt, was Men­schen auf­zu­su­chen und zu wie­der­ho­len haben, weil es mit Bedürf­nis­be­frie­di­gung und Lust ver­bun­den ist. Und was Men­schen zu ver­mei­den und abzu­weh­ren haben, weil es mit Bedürf­nis­stei­ge­rung, Schmerz und Unlust ver­bun­den ist.

Selbstbild, Empathiefähigkeit und Persönlichkeitskern werden auf dieser Ebene unbewusst einprogrammiert

Die mitt­le­re lim­bi­sche Ebe­ne bestimmt die unbe­wuss­ten Antei­le des mensch­li­chen Selbst. Dabei ent­ste­hen die Grund­struk­tu­ren des Ver­hält­nis­ses zu sich sel­ber (=Selbst­bild) und zu den Mit­men­schen (=Empa­thiefä­hig­keit). Die­se Grund­struk­tu­ren sind das Ergeb­nis unbe­wuss­ter oder nicht erin­ne­rungs­fä­hi­ger Lern­pro­zes­se. Und sie tra­gen posi­tiv oder nega­tiv zur Ent­wick­lung der indi­vi­du­el­len Bezie­hungs­mus­ter bei.
Die­se Ebe­ne ist für das Psy­chi­sche im Men­schen die ent­schei­den­de Ebe­ne sowohl für nor­ma­le als auch krank­haf­te Ent­wick­lun­gen. Zusam­men mit der unters­ten lim­bi­schen Ebe­ne, in der, wie oben beschrie­ben, das Tem­pe­ra­ment fest­ge­legt ist, macht die mitt­le­re lim­bi­sche Ebe­ne den Kern unse­rer Per­sön­lich­keit aus. 

Ganz unbewusst hat diese Persönlichkeitseben den größten Einfluss auf unser Verhalten

Gleich­zei­tig haben die mitt­le­re und unte­re lim­bi­sche Ebe­ne den größ­ten Ein­fluss auf das mensch­li­che Ver­hal­ten. Weil bei­de Tei­le direkt mit den ver­hal­tens­steu­ern­den Gehirn­zen­tren ver­bun­den sind.
Das unbe­wuss­te emo­tio­na­le Selbst ist wäh­rend der früh­kind­li­chen Bin­dungs­er­fah­rung und frü­hen psy­cho­so­zia­len Prä­gung recht gut ver­än­der­bar. In der spä­ten Kind­heit und Jugend ver­lie­ren die­se lim­bi­schen Zen­tren schnell ihre Lern­fä­hig­keit. Die Grund­zü­ge der Per­sön­lich­keit sind nach dem 10. Lebens­jahr bereits sta­bi­li­siert und las­sen sich im Jugend- und Erwach­se­nen­al­ter nur über star­ke emo­tio­na­le und lang­an­hal­ten­de Ein­wir­kung verändern.

3. Das individuell-soziale Ich

Die drit­te Ebe­ne der Per­sön­lich­keit, die obe­re lim­bi­sche Ebe­ne, wird durch die lim­bi­schen also stam­mes­ge­schicht­lich älte­ren Antei­le der Groß­hirn­rin­de reprä­sen­tiert. Hier­zu gehö­ren der insu­lä­re, der cin­gu­lä­re, der orbito­fron­ta­le Cor­tex und der innen angren­zen­de ven­tro­me­dia­le fron­ta­le Cor­tex.1, 2
Die obe­re lim­bi­sche Ebe­ne ent­wi­ckelt sich in der spä­ten Kind­heit und Jugend durch Sozia­li­sie­rung, Erzie­hung und durch bewuss­te sozia­le und emo­tio­na­le Erfah­run­gen. Sie ist der mensch­li­che Hirn­teil, der die längs­te Rei­fe­zeit benö­tigt und erst im Alter von 16 – 20 Jah­re eini­ger­ma­ßen aus­ge­reift ist.

Wer wir als soziale Persönlichkeit sind, wird auf dieser Ebene festgelegt

Die obe­re lim­bi­sche Ebe­ne ist die Ebe­ne der bewuss­ten, über­wie­gend sozi­al ver­mit­tel­ten Emo­tio­nen. Hier kommt es zum bewuss­ten emo­tio­nal-sozia­len Ler­nen von Gewin­nen und Erfolgs­stre­ben, Aner­ken­nung, Ruhm, Freund­schaft, Lie­be, sozia­le Nähe, Hilfs­be­reit­schaft, Moral und Ethik. In die­ser Ebe­ne wer­den zusam­men mit den bei­den unte­ren lim­bi­schen Ebe­nen grund­le­gen­de sozi­al rele­van­te Per­sön­lich­keits­merk­ma­le fest­ge­legt. So wie Macht­stre­ben, Domi­nanz, Empa­thie, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reit­schaft und die sozi­al­ver­träg­li­che Ver­fol­gung indi­vi­du­el­ler Ziele.

Zuneigung, Hilfe und Wertschätzung anderer Menschen werden über diesen Persönlichkeitsbereich sicher gestellt

Wei­ter­hin fin­det in die­sem Per­sön­lich­keits­be­reich das Erler­nen von Ver­hal­tens­wei­sen statt, die uns die Zunei­gung, Ach­tung und Hil­fe der Mit­men­schen sichern. Der orbito­fron­ta­le Cor­tex ist der Sitz der Regeln mora­li­schen und ethi­schen Ver­hal­tens. Hier ent­wi­ckeln sich also die Ver­hal­tens­wei­sen, die den Men­schen die Zunei­gung, Unter­stüt­zung und Wert­schät­zung ihrer Mit­men­schen bzw. der Gesell­schaft zusichern.

Das individuell soziale Ich steuert unsere Emotionen und unser Impulse

Der orbito­fron­ta­le und der ven­tro­me­dia­le Cor­tex haben eine kon­trol­lie­ren­de, impuls­hem­men­de Funk­ti­on gegen­über der unte­ren lim­bi­schen Ebe­ne der star­ken Affek­te. Und gegen­über den ego­is­tisch, infan­ti­len Antrie­ben aus den Zen­tren der mitt­le­ren Ebe­ne, also der Amyg­da­la und des meso­l­im­bi­schen Sys­tem. Die Grund­la­ge für die­se Funk­ti­on sind die im Sozia­li­sa­ti­on- und Erzie­hungs­pro­zess sozi­al ver­mit­tel­ten Erfah­run­gen. In die­sem Bereich der obe­ren lim­bi­schen Ebe­ne bil­den sich die bewuss­ten Antei­le des Selbst und des affek­tiv emo­tio­na­len auch sozi­al ver­mit­tel­ten Ichs aus.
Läsio­nen im orbito­fron­ta­len und ven­tro­me­dia­len Cor­tex haben zur Fol­ge, dass die Fähig­keit, den sozi­al-kom­mu­ni­ka­ti­ven Kon­text, z.b. die Mimik von Gesich­tern oder die emo­tio­na­le Tönung der Stim­me zu erfas­sen, ver­lo­ren geht. Auch die in die Zukunft gerich­te­te Abschät­zung der nega­ti­ven oder posi­ti­ven Kon­se­quen­zen der eige­nen Hand­lung sind dann nicht mehr möglich.

Risikowahrnehmung, ‑bewertung und Schmerzempfinden findet auf dieser Ebene statt

Der vor­de­re cin­gu­lä­re Cor­tex hat mit sei­nem unte­ren Teil mit der Risi­ko­wahr­neh­mung und ‑bewer­tung und mit der Ver­knüp­fung von Schmer­zen mit Affek­ten zu tun. Dazu gehört ins­be­son­de­re auch die Schmerz­er­war­tung. Der obe­re Teil des cin­gu­lä­ren Cor­tex ist für die kogni­ti­ve Auf­merk­sam­keit und Feh­ler­über­wa­chung zustän­dig.1 Der insu­lä­re Cor­tex ist der Ver­ar­bei­tungs­ort der Schmerz­emp­fin­dung, d.h. er bestimmt, wann und wie eine Ver­let­zung der Kör­pers Schmer­zen ver­ur­sacht. Und er ist auch der Sitz der affek­tiv-emo­tio­na­len Ein­ge­wei­de­wahr­neh­mung des soge­nann­ten Bauchgefühls.

Der Einfluss auf unser Verhalten und die Veränderbarkeit sind relativ groß

Das indi­vi­du­ell-sozia­le Ich hat einen rela­tiv gro­ßen Ein­fluss auf das Ver­hal­ten, aller­dings in dem Rah­men, den ihm die Instan­zen der drit­ten und vier­ten Ebe­ne vorgeben.
Die Ver­än­der­bar­keit der obe­ren lim­bi­schen Ebe­ne, das heißt also die Mög­lich­keit des Dazu­ler­nens ist in die­sem Per­sön­lich­keits­be­reichs rela­tiv groß aller­dings nur durch sozi­al emo­tio­na­le Erfah­run­gen und Ein­fluss aus der Umwelt.

4. Das kognitiv-kommunikative Ich

Den drei lim­bi­schen Ebe­nen steht kogni­tiv-sprach­li­che Ebe­nen gegen­über. Sie wird durch die Groß­hirn­rin­de im enge­ren Sin­ne also dem sechs­schich­ti­gen Iso­cor­tex reprä­sen­tiert. Ins­be­son­de­re im dor­so­la­te­ra­len prä­fron­ta­len Cor­tex befin­den sich aus­füh­ren­de und hand­lungs­vor­be­rei­ten­de Area­le (Förs­tl 2002). Im lin­ken prä­fron­ta­len Cor­tex befin­det sich auch das Bro­ca­sche Sprach­are­al, wel­ches dem Men­schen das syn­tak­tisch-gram­ma­ti­ka­li­sche Spre­chen ermöglicht.

Zielentwicklung, Problemlösung, Aufmerksamkeit finden auf dieser Ebene statt

Das kogni­tiv-kom­mu­ni­ka­ti­ve Ich ent­wi­ckelt sich ab dem 4. Jahr bis ins hohe Alter.
Der prä­fron­ta­le Cor­tex ist Sitz des Arbeits­ge­däch­nis­ses und der von Vor­er­war­tun­gen gelenk­ten Auf­merk­sam­keit. Er hat mit der zeit­lich-räum­li­chen Struk­tu­rie­rung von Sin­nes­wahr­neh­mun­gen und dem plan­vol­lem, kon­text­ge­rech­ten Han­deln und Spre­chen zu tun. Indi­vi­du­el­le und gemein­schaft­li­che Zie­le wer­den in die­sem Teil des Gehirns entwickelt.
Das kogni­tiv-kom­mu­ni­ka­ti­ve Ich ist auch die Ebe­ne des ratio­na­len Ichs, der Intel­li­genz und des Ver­stan­des. Auf die­ser Per­sön­lich­keits­ebe­ne fin­det die Erfas­sung und Über­prü­fung der mensch­li­chen Rea­li­tät statt. Außer­dem fin­det hier eine Pro­blem­lö­sung und die an einem Zweck, Ziel aus­ge­rich­te­te Pla­nung des mensch­li­chen Han­delns statt. 

Unser rationaler Verstand und Vernunft haben nur wenig Einfluss auf unsere Moral und unsere Gefühl 

Das kogni­tiv-kom­mu­ni­ka­ti­ve Ich hat nur gerin­gen Ein­fluss auf die drei lim­bi­schen Ebe­nen ein­schließ­lich des orbito­fron­ta­len und ven­tro­me­dia­len Cor­tex als Sitz für mora­lisch-ethi­sche Kon­trol­le, Risi­ko­be­wer­tung und Gefühls­kon­trol­le. Der umge­kehr­te Ein­fluss dage­gen kann sehr stark sein. Das führt dazu, dass ver­nünf­ti­ge Rat­schlä­ge und Ein­sich­ten allei­ne nicht in der Lage sind, Men­schen nach­hal­tig zu beein­flus­sen. Wäh­rend die Emo­tio­nen ins­be­son­de­re der Stress star­ken Ein­fluss auf das mensch­li­che Den­ken und Ent­schei­den hat.1
Die ins­be­son­de­re im prä­fron­ta­len Cor­tex ver­an­ker­te Ver­nunft, Sach­lich­keit und Ana­ly­se der Rea­li­tät kann als intel­li­gen­ter Bera­ter der im lim­bi­schen Bereich ange­sie­del­ten Emo­tio­nen und Bedürf­nis­se ver­stan­den wer­den, die dann aber letzt­end­lich über das mensch­li­che Ver­hal­ten entscheiden.

Hier ist die Basis für Gefühlskälte und Inauthentizität

Mit Hil­fe des prä­fron­ta­len Cor­tex kann der Mensch auch ganz ratio­nal und gefühls­kalt Abstand von ansons­ten stark emo­tio­na­li­sie­ren­den Ereig­nis­sen neh­men und sich sach­lich, ana­ly­tisch mit ihnen aus­ein­an­der­set­zen. Das Aus­maß die­ser Fähig­keit ist Per­sön­lich­keits­ab­hän­gig. Schließ­lich ermög­licht die­se ein­sei­ti­ge, beson­de­re Bezie­hung zwi­schen unte­rem und obe­ren Stirn­hirn auch, dass Men­schen zwi­schen dem wie sie sich selbst füh­len und was sie über sich den­ken und dem was sie ande­ren mit­tei­len tren­nen. Bei­des kann völ­lig auseinandergehen.

Um anderen zu gefallen, können wir so tun als ob

Das kogni­tiv-kom­mu­ni­ka­ti­ve Selbst ermög­licht dem Men­schen, zu ler­nen, wie er sich dar­stel­len muss, um zu gefal­len und sei­ne Zie­le ande­ren Men­schen gegen­über zu rea­li­sie­ren. Dabei kön­nen Men­schen sich in bestimm­ter Wei­se ande­ren Men­schen gegen­über so dar­stel­len, es ihnen am güns­tigs­ten erscheint, ohne das dem etwas auf den drei lim­bi­schen Ebe­nen ent­spre­chen muss. Hier fin­det im gezeig­ten Ver­hal­ten also ein Ver­stel­len oder sogar Lügen hin­sicht­lich der tat­säch­li­chen Befind­lich­keit statt.

Diese Ebene hat keinen direkten Einfluss auf unsere Verhaltenssteuerung

Das kogni­tiv-kom­mu­ni­ka­ti­ve Ich hat weder ana­to­misch noch funk­tio­nal einen Ein­fluss auf die ver­hal­tens­steu­ern­den Gehirn­zen­tren und die drei lim­bi­schen Zen­tren. Die­se wie­der­um bestim­men durch ihre direk­te Ein­wir­kung auf die­se Zen­tren, wie schon beschrie­ben, das mensch­li­che Ver­hal­ten ent­schei­dend. Reden und Den­ken sind eben nicht zwangs­läu­fig iden­tisch mit dem Handeln.
Die Ver­än­der­bar­keit des kogni­tiv-kom­mu­ni­ka­ti­ven Ichs ist lebens­lang groß meis­tens durch sprach­li­che Kommunikation.